Verfasst von: Dennis K. | 6. Februar 2011

Lektion 1: Wechsel niemals einen Schlauch in einem Dorf

Opa Alfons Bad in der Menge

Opa Alfons Bad in der Menge

17. Etappe, EFI, 155km, 2228 km total – Rufah nach Sennar
16. Etappe, EFI, 88km, 2316 km total – Sennar to Dinder
Liebe Blogfreunde,
einige aufmunternde Nachrichten erreichten mich in den letzten 48h – eigentlich gar nicht nötig. Ich fühle mich pudelwohl, auch wenn es momentan sowohl klimatisch als auch radfahrtechnisch wirklich anstrengend ist. Von den absoluten Temperaturen ist es momentan wohl aber härtesten: ab 11:00h sind die Temperaturen bereits über 40°C. und die Sonne brennt vom Himmel. Deswegen😉 fahre ich doch wieder ein wenig schneller. Um die Mittagszeit ist es einfach kein Vergnügen, noch auf der Piste zu sein. Gestern hatten wir unsere erste Dirt-Passage, d.h. es wurde auf unbefestigten Strassen gefahren. Nur knappe 20km und ein kleiner Vorgeschmack auf den heutigen Tag, der sich für mich als sehr lehrreich herausstellen sollte:
Um 7:30h musste ich das zweite Mal zur Schaufel greifen, was dazu führte, dass die Racer (oder die, die noch übrig geblieben sind) bereits ohne mich los waren. Die Brams haben gestern angeblich auch ihre Rennaktivitäten eingestellt,weil sie unter der Dirtpassage mächtig litten. Paul fährt, wenn Horst fährt und Horst wollte schnell der Hitze entkommen.

Dafür dass ich Offroadpassagen eigentlich nicht gewohnt war, lief es recht gut und ich räumte das Feld schnell von hinten auf. Viele hatten mechanische Defekte – bei KM 40 erwischte es mich dann auch. Mein Vorderreifen lief platt – irgendwie war es mir trotz reichhaltiger Bloglektüre der TdA 2010 entfallen, dass Dinderland Thornland ist und die Dornen überall anzutreffen sind. Ich hatte aber leider auf meinen Vorderreifen einen Marathon Supreme in 50mm gepackt anstatt auf einen Marathon Plus Tour in 42mm zurückzugreifen, den ich im Übrigen auch auf der Hinterfelge fahre. Ich liess mir beim Wechseln bewusst Zeit, um den Schädling auch ausfindig machen zu können, was mir auch gelang – leider brach die Dorne dann ab und ich durfte noch einige Minuten in der Karkasse rummpuhlen, während die Kameraden mich herzlich grüßten. Mit einem mulmigen Gefühl setzte ich mich wieder auf den Opa Alfons und schaffte es dann auch pannenfrei bis zum Lunchtruck, bei dem ich dann Liter 4 und 5 zu mir nahm und mein Camelback und die Flasche auffüllte. Bei KM 69 lief ich wieder platt, diesmal allerdings schleichend, so dass mich einmaliges Pumpen noch in den Ort Dinder bei KM 74 brachte. Ich kaufte mir 4 Pepsi und 2 Flaschen Wasser und wollte den Ort schnell verlassen als das Drama seinen Lauf nahm: der Vorderreifen war nunmehr gänzlich platt und so entschied ich mich, vor Ort den Schlauch zu wechseln – WRONG gehe zurück ins Gefängnis, solltest Du über Los kommen, ziehe KEINE 4000 Sudan. Pfund:

Es dauerte keine 2min und es hatten sich mind. 60 Kinder und auch Erwachsene um mich herum versammelt, die den weißen, bereits dreckigen Mann von ganz nah sehen wollten. Um mich selbst ein wenig zu beruhigen trank ich schnell 2 Flaschen Pepsi und machte Geräusche, die dann von der Menschenmenge eindringlich wiederholt wurden. Opa Alfons war kaum mehr zu sehen und ich musste die Einheimischen eindringlich darauf hinweisen, dass so ein Schlauchwechsel nicht möglich war. Tatsächlich verstanden sie das Problem und ich hatte ein wenig mehr Platz. nach ungefähr 10min war auch der zweite Schlauch gewechselt und beim Pumpen wollte jedes Kind einmal die Felge halten, also verschwand Opa Alfons wieder in der Menschenmenge. Danach machte ich 3 Bilder, was dazu führte, dass alle Kiddies aufs Bild wollten und mich dazu nötigten einen 360° shot, also 4 Blder zu machen.

Danach zog ich Helm und Handschuhe an und suchte meine Brille, die natürlich einer der Kleinen stibitzt hatte. Mit großer Enttäuschung und ein wenig Theatralik aus indischen Filmen tat ich meinen Unmut den wenigen Erwachsenen kund, die Situation zu lösen versuchten. Es war Zeit für den Ältesten mit demlängsten Bart, einen Turban und einem dicken Stock. Diesen richtete er gen Allah, schrieh ein paar arabische Sätze gen Himmel und innert 60 Sekunden hatte ich meine Sonnenbrille wieder. Der kleinste Knirps hatte sie für mich in Gewahrsam genommen😉 Wohl wissend, dass das nicht immer so ausgehend wird, hatte ich meine Lektion gelernt. Never change a tire in a town and always guard your helmet and your sunglasses. Die nächsten 15km schleppte ich mich 40min nach den Ersten ins Camp und trank erstmal Pepsi 3 und 4 ! Das Bild zeigt mich kurz nach der Ankunft.

Nach der ersten Dirt-Etappe

Nach der ersten Dirt-Etappe


Das Leaderboard führte im Übrigen Tori mit 10 Platten an, vor Daniel mit 8 und Peter mit 7 „flats“. Trotzdem habe ich den Opa Alfons schnell umbereift, denn morgen soll es mit den Dornen noch schlimmer werden. Marathon Plus -lets keep fingers crossed.
Seit Freitag habe ich übrigens im Durchschnitt 12L Flüssigkeit zu mir genommen und war viellecht 5 oder 6mal für kleine Jungs – ich fühle mich wie ein Kamel. Nachdem ich im Camp dem Minister für Touristik (des Staates Sennar) mitteilte, dass kaum jemand in Europe Kenntnis davon hat, wie (gast)freudlich die Sudanesen sind, landete ich umgehend mit einem Interview im Lokalfernsehen. Die Gastfreundschaft zeigt sich abermals als die Bewohner des nächsten Dorfes, das nichtmals elektrifiziert ist, uns eine Runde kalte Getränke organisierte und das Treiben in unserem Camp friedlich und immer im höflichen Abstand als Live-Kino genossen. Die Sudanesen sind wirklich ein herzliches Volk. In dem Moment in dem ich diese Zeilen schreibe höre ich Gesänge aus dem Dorf und die Menschen scheinen zu tanzen. Kein Strom und kein Tatort nötig, um einen schönen Sonntagabend zu haben. Mal gucken, was Äthiopien bringt. In den nächsten 3 Wochen wird es mauer mit der Berichterstattung, erwartet das nächste,längere Update aus Gonder, das ich hoffentlich wohlerhalten in 5 Tagen erreichen werde.
Euer Dennis


Responses

  1. Hi Dennis

    sehr sehr geil, bin fast vor lachen vom Stuhl gefallen
    Wenn ich das so lese kommt abissle der NEID auf, weil all das würde ich auch gerne erleben………..

    LG Heinz


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