Verfasst von: Dennis K. | 12. Februar 2011

8 Tage hintereinander und der Bart ist ab

Ab ist der Bart nur im wirklichen Sinne nicht im übertragenem. Nach nunmehr über einem Monat ohne Rasur habe ich heute die Annehmlichkeiten meines ersten Hotelzimmers in Gondor (Gondar) genutzt und einen halben Nachmittag damit verbracht, Körperpflege zu betreiben. Dabei habe ich es tatsächlich geschafft, fast eine komplett Seife zu verbrauchen und damit meine ich nicht die kontinentaleuropäischen Einweg-Hotelseifen, sondern Ommas „dicke Stücke“. Nach einer Stunde in der Badewanne folgte eine fast so lange Zeit vor dem Spiegel. Aus Grisley Adams (oder „Der Mann aus den Bergen“ wie er bei uns in den 70er Jahren hieß) wurde wieder ein fast zivilisierter Mensch. Warum ich das hier erwähne hat folgenden Grund: Zeitgenossen, die eine solche Tour unternehme, setzen sich meisten irgendwelche abstrusen Ziele. Der eine will das Rennen gewinnen, der andere will sich den EFI-Status erhalten und tatsächlich jeden Meter durch Afrika aus eigener Kraft zurücklegen. Wieder andere brüsten sich damit, nicht einmal in ein Hotel gegangen zu sein und die gesamte Tour im Zelt zu verbringen. Naja, mit dem Zeltorden wird das bei mir seit heute leider nichts mehr! Hotel hin oder her, meine TdA-Kollegen befanden, dass ich nach meiner Rasur wieder deutlich jünger aussähe, ich selber habe aber eher den Eindruck, seit Khartoum mindestens 10 Jahre gealtert zu sein:

Der Bart ist ab

Der Bart ist ab

In den vergangenen 8 Tagen und knapp 900km ohne Ruhetag hatten wir so ziemlich alles, was das Radlerherz (nicht) begehrt: harte Rennetappen, unfassbare Hitze während 100km Abschnitten auf unbarmherzigen, ausgedörrten Wellblechpisten, fönartigen Gegenwind und die erste richtige Bergetappe mit 2500 HM als Renntag Nr.8. Dazu passierten wir die sudanesisch/äthiopische Grenze, die wahrscheinlich den krassesten kulturellen Wechsel unserer Afrikadurchquerung darstellt und wir trafen erstmals auf die Steine werfenden Kinder am Wegesrand.
Wie bereits angesprochen waren die 3 Tage in der Nähe des Dinder Nationalparks wirklich eine Herausforderung. Ein Sturz, der wirklich glimpflich für Ross und Reiter ausging, am härtesten Tag führte mir vor Augen wie schnell die TdA auch beendet sein kann, zumal das Missgeschick aus einer klassischen Rennsituation resultierte und ich mir mangelnde Velobeherrschung bei zu hoher Geschwindigkeit vorzuwerfen habe. Zwei gut verheilende Schnitte im Unterschenkel und die üblichen Teppiche an Beinen und Armen können insgesamt als sehr dankbares Resumée meines Ausfluges in den Graben gelten. Die schmerzhafte Jodbehandlung während des Lunchstopps war mir eine letzte Mahnung. Dies soll es vorerst von beinharten Pfaden rund um den Dinder Nationalpark sein, wohl wissend, dass die Lavastraßen Nordkenias Anfang des kommenden Monats noch eine Steigerung bereit halten werden.
Vor 3 Tagen verabschiedete uns dann der Sudan mit einer abklingenden „winterlichen“ Hitzewelle, so dass es für mich ein Farewell mit einem tränenden Auge war. Ich empfand die 1400km im nördlichen Sudan mit seinen grüßenden, immer um höflichen Abstand bemühten Menschen, deren Gastfreundschaft seinesgleichen sucht als erstes wahres Highlight meiner Afrikatour.

Letzte Nacht im Sudan

Letzte Nacht im Sudan

Nach der Grenzstadt Gallabat, für sudanesische Verhältnisse äußerst geschäftig, brach aber in Madema auf äthiopischer Seite ein unbeschreibliches Mayhem los: Esel, Kleinkinder, Federvieh, Tucktucks, Mopeds, Kleinbusse und hoffnungslos überladene 30 Tonner teilten sich in einem großen Durcheinander die Grenzstrasse. Der eigentliche Grenzübergang an einer kleinen, unauffälligen Brücke markierte unspektakulär die Landesgrenze – wäre da nicht diese Wäscheleine gewesen, die über die Strasse gespannt war. Nach einer für mich zweistündigen Abfertigung erforderten die 4km ins Camp aufgrund der oben beschriebenen Zustände nochmals höchste Konzentration, zumal ich in (!) der Grenzstation die ersten beiden Biere in diesem Jahre genießen konnte.
Die erste äthiopische Etappe führte mit knapp 1000Hm in ein 95km entferntes unelektrifiziertes Dorf, in dem die TdA nun schon seit Jahren ihre Zelte aufschlägt. Hier konnten wir das harte Dorfleben einmal hautnah erleben und z.B. beobachten, wie man ursprünglich die Spreu von „Weizen“ trennt. Eine harte Arbeit, die von Paarhufern erledigt wird, die auf natürliche Art und Weise die den „Weizen“noch verfeinern.

Spreu und "Weizen"

Spreu und "Weizen"

Insgesamt waren wir natürlich wieder einmal die Attraktion des Jahres für Jung und Alt. Den Geschäftssinn der Äthiopier konnte man schon daran erkennen, dass einige Familien ihre ganzen Ersparnisse in Pepsi, Mirinda und natürlich Bier investierten, das sie nunmehr an uns gewinnbringend weiterverkauften. Ich nehme an, dass locker drei bis vierhundert Flaschen ihren Abnehmer fanden. Als ich eine junge Dame um ein Photo bat, bat sie mich wiederum charmant um eine Pepsi – ein Wunsch, den ich ihr kaum abschlagen konnte, hatte sie doch in den vergangenen 3h eisern Getränke an uns verkauft, ohne sich wahrscheinlich selbst ein solches Getränk leisten zu können/wollen. Spätestens in diesen Momenten fragt man sich dann, wie eine Horde ausgezehrter und teils auch ungeduldiger Radfahrer auf einer für diese Menschen wohl noch weniger nachvollziehbaren Tour Kairo-Kapstadt wirken muss. Als einige dieser Weißen sich dann noch zur allabendlichen Yogasitzung im Kreise versammelten war das Erstaunen besonders groß:

freut sich über eine Pepsi und das gute Geschäft

freut sich über eine Pepsi und das gute Geschäft

Verwunderung pur

Verweunderung pur

Nach diesem Großprofit feierten die Dorfbewohner dann noch zwischen 22 Uhr und den frühen Morgenstunden ein ausgelassenes Fest, was einige von uns nur mit einem Zähneknirschen goutierten – spätestens um 21:00h gehen bei uns die Lichter aus, denn ab 5:00h geht es ja wieder los.
Äthiopien hat sich insgesamt einige Eigenarten bewahrt, denn hier gehen die Uhren wirklich anders. Null Uhr äthiopische Zeitrechnung ist morgens um 6.00h zum Sonnenaufgang, 6:00h ist mittags und 12:00h ist es halt zum Sonnenuntergang – die nächsten 12h sind dann nochmals auf die Nacht verteilt. Wegen der Äquatornähe gibt es übers Jahr verteilt naturgemäß keine großen Unterschiede zwischen Tagen und Nächten und denkt man wirklich drüber nach, macht das ganze sogar Sinn. Für uns Ferengis (Ausländer heißen hier wirklich so) gibt es aber noch eine andere Zeit, die ich bisher nicht ausfindig machen konnte – die TdA ist nämlich der Einfachheit bei der sudanesischen Zeit geblieben.
Am folgenden 8. Tag ging es dann nach einem 1200m Aufstieg am Stück auf insgesamt 107km ins äthiopische Hochland und wir machten unsere erste Erfahrungen mit den legendären „You, You, You“, „where are you go“und „money, money“ schreienden, äthiopischen Kindern. Auch der eine oder andere Stein zischte (bisher Gott sei Dank) harmlos und auf Straßenhöhe, meist von hinten kommend an mir vorbei. Insgesamt traf es die langsameren FahrerINNEN am Ende unseres langen Feldes aber deutlich härter. „Generationen“ von TdAlern berichten über diese Kinder und sie sind auch der Grund warum ich mir vor Äthiopien als Land am meisten „fürchte“. An dieser Stelle ist es für meine Theorie des Verhaltens deutlich verfrüht, dazu will ich mich nochmals in zwei oder drei Wochen äußern. Das tausendfach tantrahafte „YOU YOU YOU“ und die damit einhergehenden Gesichtsausdrücke der teilweise nichtmals 3Jährigen könnten Inhalt einer Monthy Python Verfilmung oder zumindest Gegenstand einer ethnologischen Studie sein – sie prägen mich jedemfalls schon nach 2 Etappen in Äthiopien.
Im Moment liege ich hier bequem in meinem halbwegs sauberen Bett (www.gohahotel.com), nachdem ich mir heute einmal 2h Stunden die äthiopische Realität in Gonder angeschaut habe. Die Armut ist deutlich präsenter als noch im Sudan und zwischen manierlichen, an europäische Gebäude erinnernden Bauten der Innenstadt finden sich Behausungen aus Brettverschlägen, deren Einwohner verlumpt und verdreckt ums Überleben ringen. Natürlich kennt man das alles aus dem Fernsehen, aber die begleitenden Gerüche und unmittelbaren Eindrücke gehen natürlich (zumindest jetzt noch) deutlich tiefer – sie machen betroffen.
Hier würde ich gerne ein Problem der Tour d‘ Afrique ansprechen, was mir immer mehr bewusst wird: das Ganze geht einfach viel zu schnell und besonders wenn man es noch unter sportlichen Gesichtspunkten sieht, ist das Ganze natürlich extrem anstrengend.
Hier in Gondar haben wir nach 8 Tagen den Luxus eines doppelten Restdays. Davon haben wir nur zwei (der nächste in bei den Viktoriafällen am Ende von Sambia) und einen dreifachen Restday zur Halbzeit in Arusha, Tansania. Heute Morgen um 8:15h hatte ich die Möglichkeit, ein Entwicklungshilfeprojekt vor Ort zu besuchen, was von unserem Sectional Rider Tony Nester seit Jahre unterstützt wird. Leider habe ich die halbe Nacht auf der luxuriösen Porzellanschüssel verbracht und fand gegen 6:00 nochmals knapp 2 Stunden Schlaf, den ich nach den 8 Tagen auch dringend brauchte. Die TdA ist ein Tradeoff zwischen Rennen, EFI und Gesundbleiben auf der einen Seite und dem kulturellen Eintauchen vor Ort auf der anderen Seite. Dies unter einen Hut zu bekommen, ist eine wirkliche Herausforderung, der ich bisher nicht im Entferntesten gewachsen bin. Ich brauche momentan Ruhe und Erholung und für viele Dinge, die mich reizen fehlt mir die Kraft. Nach Porters Terminologie befinde ich mich momentan noch zwischen den Stühlen, dessen Pole mir die beiden von mir besuchten Vorträge von TdAlern aufgezeigt haben – das viermonatige Eintauchen in Afrika gegen eine wirklich harte sportliche Grenzerfahrung. Vielleicht finde ich meinen eigenen Weg – zumindest bemühen werde ich mich. Für den dritten Platz auf dem Podium kommen nach meiner Einschätzung von der reinen Leistung eigentlich nur Paul Spencer, ein zwei andere und ich in Frage und momentan gebe ich so was noch ungern her, zumal das Rennen mit Paul momentan sehr cool und fair geführt wird. Er ist sich halt seiner Ausdauerfähigkeit bewusst, aber auch ich habe locker nochmals 5-8kg Raum nach unten, was meinen Fahroptionen deutlich entgegenkommen würde.
Vielleicht sage ich aber vorher wirklich wieder : „Fuck that – it is Coke-Stop time !“ – das wäre vielleicht der wirkliche Podiumsplatz für mich!


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