Verfasst von: Dennis K. | 16. Februar 2011

Gondar – Bahir Dar

Restday in Bahir Dar
Etappe 25, EFI, 61km, 2982km total (stagewin)
Etappe 24, EFI, 117km, 2921km total
Restday 1 in Gondar
Restday 2 in Gondar
Etappe 23, EFI, 108km, 2804km total, 2300 HM (Mandoday)
Etappe 22, EFI, 97km, 2696km total
Etappe 21, EFI, 103km, 2599km total

Liebe Leser,
heute erwartet Euch mal wieder ein zweigeteilter Blogeintrag. Im ersten Teil werde ich Euch mal was zum Rennen schreiben, es bietet sich zur Feier des Tages einfach an. Im Anschluss daran werde ich meine Eindrücke zu Äthiopien und dem gestrigen Tag schildern, den ich ja frecherweise einfach von Hardy B. aus 2010 übernommen habe.
Wir hatten heute eine sehr kurze „Sprint“etappe (von 61km) in den touristischen Ort Bahir Dar am Tanasee, die wir in 1:54h runter radelten. Derartig „überschaubare Rennetappen“ wurden zuvor als Teil einer längeren Tagesetappe künstlich gekürzt – so z. B. wenn wir im Convoy in die großen Städte einfahren oder eine schwierige Streckenführung eine Entschärfung des Rennens nahe legt. Heute waren es aber wirklich nur 61km. Eigentlich wollte ich nur mit den beiden Stärksten (Paul W. und Horst) über die beiden kurzen, aber spitzen Anstiege kommen und den Tag möglichst schmerzlos zu Ende bringen. Mit meinem Übergewicht (das im Moment wirklich gut wegschmilzt) laufe ich immer Gefahr, von den 6Xkg oder niedrigen 7Xkg Leuten auf längeren Anstiegen rausgefahren zu werden – momentan sind dazu aber nur noch Paul, Horst und die beiden Brams dazu in der Lage.
Paul W. ist mit seinen 57 Jahren der stärkste Fahrer im Feld und ist auch ein Vollblutracer, von dem man eine Menge lernen kann. Paul und Horst und auch die Brams wissen mittlerweile genau, wie sie mich los werden können, was mich persönlich nicht so tangiert, da ich ja definitv nicht gegen Horst und Paul fahre. So wollte Paul W. die Gruppe bei KM 22 sprengen und fuhr (zumindest für mich) extrem schnell in das steilste Stück des ersten Anstiegs (Markierung 1 Paul), so dass ich die Köpi-Ringe an meinem Bauch mit durchschnittlich über 360 Watt auf knapp 3min die kurze Rampe hochstemmen musste (hier weiss ich aufgrund meines SRM, dass ich bei dieser Belastung nach spätestens 6 – 7min deutlich rausnehmen muss, will ich nicht komplett blau fahren).

Angriff von Paul W.

Angriff von Paul W.

Da wir hier auf der Höhe der großen Skiorte auf knapp 1800m über n.N. sind, merkt man schon ein wenig die dünnere Luft und ich mußte ganz mächtig kämpfen – danach wurde insgesamt zügiger aber nicht mehr so ruppig gefahren wie sonst auch schon.
Im Abstieg nach Bahir Dar kam bei ca. KM 53 ein klitzekleiner Gegenanstieg von vielleicht 20 HM, in denen ich vom Fahrstil in der Lage bin, meine Mitfahrer zu ärgern und Unruhe in Truppe zu bringen. In diesem Gegenanstieg habe ich dann kräftig angetreten und mit 800 Watt über 15 Sek. auch ein anständiges Loch gerissen. Bisher liessen mich Horst und Paul und die Brams bei meinen Ausreissversuchen immer ein wenig an der langen Leine, warum ich auch ein wenig rausnahm als ich feststellte, dass die Gruppenarbeit hinter mir begann. Nach 4.5km solo habe ich dann aber nochmals ordentlich drauf gehalten, so dass ich mich in Bahir Dar selbst außer Sichtweite der Verfolger bringen konnte, was ja immer gut ist. Im Ort bin ich dann so vorsichtig wie möglich gefahren, so weit das bei einem Schnitt von 46km/h auf den letzten 8km überhaupt möglich ist, wenn Tucktucks, Esel und Fussgänger mit einem eine zum Glück sehr gut einsehbare Prachtstraßem teilen. Die 7,1 Solokilometer legte ich in 9:24min zurück und trat dabei im Schnitt knapp 300 Watt (in Bahir Dar gab es einige trittlose Passagen, die den Schnitt senkten) und sicherte mir den ersten Tagessieg. Vorher hatte es schon einen Zielsprint mit den größeren Bram gegeben, dessen Ausgang unklar war und einen Sieg sicherte ich aufgrund des Zeitmesssystems, das die Bruttozeit zwischen Check-In und -Out misst.

komplette Etappe

komplette Etappe

Wie Ihr seht, hat mich das Rennfieber wieder kräftig gepackt – ich arbeite aber drann. Der Kampf um Platz 3 ist aber im Moment ungemein interessant, zumal Paul Spencer (www.yeshesmad.com) sehr cool und angenehm auf dem Rad ist. Er steht im Guinessbuch für die schnellste Durchquerung der USA von Westen nach Osten UND Norden nach Süden und er fährt sehr sehr langatmig, mag das von mir häufig initiierte ruppige Fahren aber überhaupt nicht.
Ich teile mir mit ihm in Bahir Dar ein Zimmer und den wenige Frauen unter Euch sei gesagt: der Typ hat einen unfaßbaren – nicht gerade radlertypischen – Astralkörper und es ist schon ein wenig lustig, wenn wir zeitgleich nach der Etappe unsere Trikots ausziehen – ich werde mal eine Photomontage von uns reinstellen😉. Nach den Dirtpassagen hatte er sich auf eine knappe halbe Stunde an mich rangekämpft, danach konnte ich den Vorsprung aber wieder auf über eine Stunde vergrößeren, weil es ihm gesundheitlich nicht so gut ging und ich mich in besseren Gruppen (Horst und Paul W.) platzieren konnte. Am letzten Tag im Sudan und am gestrigen Tag konnte ich jeweils eine Viertelstunde auf ihn gut machen.
Ich nehme an, dass ich die Einstellung meiner Rennaktivitäten nochmals in Marsabit, Kenia überdenken werde. Baastian, ein 33-jähriger Holländer und langjähriger Rennfahrer, hat es schon geschafft. Ab und an fährt er im schnellen Pack und kämpft mit um den Tagessieg, um sich dann von einer Sekunde auf die nächste zu verabschieden, weil ihn irgendwas am Seitenrand interessiert. Ich habe ja noch 9000km um es ihm gleich zu tun…
Wie viele von Euch wissen, war immer Äthiopien das Land auf unserer Tour, vor dem ich den meisten Respekt habe. Das Streckenprofil, die gesundheitlichen Hürden und das Tohuwabohu auf den Strassen flößten mir fast Angst ein. Grundsätzlich hat sich meine Einstellung nicht geändert, so kamen wie auf ungebetene Bestellung die gesundheitlichen Probleme im Camp, das phasenweise einer untergehende Quäkersiedlung glich. Heute Nacht wiederholte sich in einem Zelt unweit von mir das Drama der ersten Nacht in Gondor -unglücklicher „Protagonist“ war Souris unser sonst immer gut gelaunter Rider aus Trinidad und Tobago. Ich versichere Euch, dass diese nicht endende Geräuschkulisse menschlichen Elends auch für Unbeteiligte der reinste Horror sein können, denn innert Stunden kann es einen ja selbst ereilen.
Essenstechnisch bin ich hier bisher recht vorsichtig – heute habe ich direkt am Tanasee einen Burger gegessen und zwei Bier und eine Mirinda getrunken – alles zusammen für 58 Birr, also weniger als 3 Euro und das war schon ein eher gehobener Laden.

Bier und Burger am Tanasee

Bier und Burger am Tanasee

Im Anschluss daran habe ich auf dem Weg zum Markt Alice und Meriley (muss ihren Namen mal nachgucken) in einem Saftladen gesehen und mich zu ihnen gesellt. Dort habe ich dann einen obligatorischen 4-Layer-Saft aus Guave, Mango, Papaya und Avocado getrunken für 7 Birr (35 Cents), um dann noch einen reinen Avocadosaft nachzulegen, der locker eine ganze Mahlzeit ersetzen könnte.

aethiopischer Vierlagen-Klassiker fuer 7 Birr

aethiopischer Vierlagen-Klassiker fuer 7 Birr

Bei durchschnittlich vier strammen Stunden auf dem Radl hat man essenstechnisch ja alle Freiheitsgrade, von denen ich während unserer Restdays dann auch gerne Gebrauch mache. Auf dem Markt habe ich mir dann nach einem ausgiebigen Rundgang ein paar Klamotten für unsere Verkleidungsparty am Abend gekauft und mein Outfit in den äthiopischen Nationalfarben gehalten. Bilder werden folgen. Morgen ist untypisch für die TdA nach 2 Radtagen bereits wieder ein Restday, was wohl dem Umstand geschuldet ist, dass die touristischen Orte Gondar und Bahir Dar nur 180km auseinander liegen, eine Durchfahrt bis Addis Ababa ohne Restday in 7 Radtagen bei Höhen über 3200m und unzähligen Höhenmetern dann doch eine Nummer zu hart sein würde. Sei es drumm, in der jetzigen Verfassung nehmen es die meisten Teilnehmer dankend an.
Das Camp auf einem Acker zwischen Gondar und Bahir Dar war schon recht gewöhnungsbedürftig. Es wurde, wie Hardy B. ja schon schrieb, mit einem Seil gesichert und trotzdem nutzten die Kids jede Möglichkeit, irgendetwas habhaft werden zu können und wir mussten schon ganz schön aufmerksam sein, um dies zu verhindern. Ausserhalb des Seiles wurden zudem erstmalig Toilettenzelte aufgebaut, da es nur so irgendwie möglich ist, uns einen Hauch Privatsphäre bei zu gewährleisten. Hier werden mit einem Bohrer Löcher von ca.25cm Durchmesser und einem Meter Tiefe gebohrt und man muss im Eifer des Gefechtes schon ganz gut zielen. Ich komme mit den Zeltklos aufgrund des Geruchs überhaupt nicht klar und ziehe weiterhin die Freilandaktivität vor. Während dieser beobachtete ich unseren 65 jährigen Senior Bob aus großer Entfernung wie er umringt von 10 Kindern eines dieser Zelte aufsuchte, um darin in Ruhe zu verschwinden. Mit der Ruhe wurde aber nichts, suchten die Kinder doch jeden noch so kleinen Schlitz am Boden, um Bob bei seinem Nr. 2 beobachten zu können -skuril das Ganze ! Fragt bitte nicht, warum die Kinder mich nicht behelligten – vielleicht hatte ich einfach nur Glück, erspart mir aber bitte eine diesbzgl. Kommentierung hier im Blog😉
Auf der Strasse sind die Kids bisher zumindest für mich eher eine positive Überraschung – gestern und vorgestern gab es nicht ein einziges Steinwurfattentat. Die „you, you, you“-Rufe sind natrülich noch immer gewöhnungsbedürftig und man muss immer mächtig aufmerksam sein, insgesamt versuche ich es aber wie Hardy zu halten: ich grüße alle sehr früh, meist auch winkend in ihrer Sprache mit einem Salam und bilde mir ein, dass dies Schlimmeres verhindere.
Die Erwachsenen empfinde ich irgendwie als „Zwischending“ zwischen den Ägyptern und den Sudanesen. Die Menschen sprechen recht manierlich Englisch und so kann man sich auch immer irgendwie verständigen, was meinen Besuch auf dem Markt schon irgendwie vereinfachte. Aber als Weisser ist man hier schon immer das Ziel allerlei Begehrlichkeiten und es wird hier doch deutlich intensiver und hartnäckiger gebettelt und die Armut ist viel präsenter. Man sieht viele Kinder notdürftig in Lumpen gekleidet und auch völlig kleiderlose Erwachsene begegneten mir sowohl auf dem Land als auch in den Städten.

Kaim und ich auf dem Markt von Bahir Dar

Kaim und ich auf dem Markt von Bahir Dar

Kaim alias Dr. Martin

Kaim alias Dr. Martin

Beindruckend ist die Landschaft hier und obwohl das Ende der Trockenzeit noch bevor steht, wirkt das ganze Land viel grüner als alles zuvor auf dem afrikanischen Kontintent gesehene. Wirklich beeindruckend sind einigen der Steinformationen am Wegesrand – zu schade, dass man als „Racer“ nur wenig Zeit für entsprechende Schnappschüsse hat. Trotzdem möchte ich den folgenden mit Euch teilen:

Schnappschuss bei der Passabfahrt

Schnappschuss bei der Passabfahrt

In den kommenden Tagen wird leider Funkstille herrschen bis wir nach hoffentlich 5 Tagen und 5XX km wohlerhalten die äthiopische Hauptstadt Addis Ababa erreichen.

Bis dahin grüßt Euch ein weitrerhin neugieriger, glücklicher und auch wenig müder
Dennis


Responses

  1. Hi Dennis,

    alles gute für deine nächsten tage – verfolge gespannt deine schritte und entwicklungen, es scheint sich ja so richtig zu lohnen!!

    tief beeindruckt!

    beste grüße, DJ


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