Verfasst von: Dennis K. | 1. Juli 2012

Mailand-Sanremo – Primavera oder „La Classicissma“- eines der fünf Radsportmonumente aus Sicht eines Hobbyfahrers

Von der Couch aus hatte ich dieses Monument des Radsports als ein Rennen gesehen, das mir liegen sollte. Auch wenn sich bei diesem Rennen im Profibereich vornehmlich endschnelle Teilnehmer in den Siegerlisten wiederfinden (so Zabel, Cippolini, Cavendish, Freire), gelten in der Jedermannszene andere Qualitäten. Allein aufgrund der extremen Streckenlänge von 298km findet im Hobbybereich nämlich durch die bloße Länge eine Selektion statt, die den Spreu vom Weizen trennt. Und ich sah mich zur Abwechslung mal als Weizen.

Grundsätzlich stehe ich noch dazu – leider muss ich das Ganze im Nachhinein schon ein wenig relativieren. Sicherlich ist „La Classicissma“, wie das Rennen auch ehrfürchtig genannt wird, ein Rollerrennen, aber  v.a. ein Rennen, an dem Erfahrung und präzise und ernsthafte Vorbreitung den Schlüssel zum Erfolg darstellen. Daran hat es leider dieses Jahr deutlich gemangelt, wie ich schmerzhaft feststellen musste. Aber zunächst einmal der Reihe nach ein paar Fakten zur Strecke:

Dass es sich hier aber nicht um ein Volksrennen à la Velothon oder Cyclassics handelt, zeigen ein lediglich 3-stelliges, aber hochgetuntes Teilnehmerfeld und die simplen logistischen Anforderungen eines Ritts von Mailand an die französische Grenze !

Start bei diesem Rennen ist im Gegensatz zum Profirennen leider nicht der Mailänder Domplatz, sondern das an den großen Ausfahrtsstraßen gelegene Einkaufs- und Kongresszentrum „Milanofiori“. Ansonsten stimmt die Streckenführung überein. In der Spitzengruppe wird die Strecke recht professionell freigehalten – danach ähnelt das Rennen einer RTF, in der man sich durch den normalen Sonntagsverkehr kämpfen muss.

Aus meiner Sicht bietet es sich an, die Strecke in zwei gleich lange Abschnitte zu unterteilen. So führen die ersten 145km von Mailand zum Passo del Turchino auf 532m. Nach dieser Halbzeitmarke stürzt man sich dann an die ligurisches Küste, auf die man dann ein wenig westlich von Genua stößt.

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aus der Spitzengruppe gefallen am Turchinopass

Der zweite Teil führt dann an eben dieser Küste entlang und folgt weitestgehend der Staatsstraße SS1- der VIA AURELIA. Dies ist wohl historisch nicht ganz korrekt, aber es wird vom Tourismusverband wohl gerne so kommuniziert und in verschiedenen Reiseführern auch so wiedergekaut.

Unbestritten ist aber die landschaftliche Schönheit der 2. Streckenhälfte, führt die Primavera doch entlang der fast gesamten Riviera di Ponente durch so klangvolle Orte wie Varraze, Savona, Finale Ligure, Imperia und endet nach 298km in Sanremo.

Sanremo selbst gilt als Zentrum der Blumenriviera, was man Anfang Juni auch unschwer erkennen kann, soweit man nach 298km dafür noch Augen hat, denn gerade zum Ende fordert „La Classicissma“ dem Amateurfahrer alles ab.  Die sog. Capos führen nämlich zum Teil unangenehm hügelig entlang einer ansonsten flachen Küstenstrasse. Capo Mela, Capo Cervo und v.a. Capo Berta bereiten dem trainierten Hobbyradler ab Kilometer 240 erste Schmerzen.

Die wahre Selektion führen die Streckenplaner dann aber künstlich herbei, schicken sie die Ciclisti bei Kilometer 270 über die hochprozentigen Rampen der Cipressa und kaum 10km weiter dann noch über den Poggio – 400Höhenmeter, die man bei fast 300km wirklich nicht mehr braucht. Dem leidenschaftlichen Radfahrer bleiben aber eben diese Capos und vor allem Cipressa und Poggio in leidenshaftiger Erinnerung.

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Streckenprofil der Primavera

Episch erschlagen lag ich dann auch im Zielbereich des „Corso Giuseppe Garibaldi“ auf einer grünen Wiese und haderte nach 9h 11min mit meiner mangelnden Ernsthaftigkeit  in Bezug auf meine Vorbereitung, die mich meine Anfang der Saison gesetzte Zielzeit von 8h30min doch deutlich verpassen liess.

So komme ich nun zum Rennverlauf:

Knapp 5000km Ende April lesen sich doch schon ganz ambitioniert. Als größtes Handicap aber entpuppte sich der Anruf eines meiner besten Freunde Mitte Mai. Er lud mich zu seinem Geburtstag nach München ein und ihm  wollte und konnte ich nicht abermals absagen. Da Kasia zeitgleich bereits seit März mit ihren engsten Freundinnen in Kopenhagen verabredet war, endete mein München-Besuch trotz anders lautender Beteuerung genau so wie es kommen musste:

2 Flaschen Rotwein aus dem Burgenland und 800km (Bodensee-München-Bodensee-Mailand) in meinem kleinen Lupo kann man nicht wirklich als optimale Vorbereitung nichtmals 36h vor meinem ersten 300km-Rennen sehen. Im Unterbewusstsein wusste ich wohl schon, dass es so laufen würde und so waren die 3 Wochen vor dem Rennen mit 500 Trainingskilometern schon mäßig ambitioniert.

Bei einem solchen Rennen sind natürlich auch immer unzählige, orangegekleidete  Radfreunde anwesend und so las ich das 1:0 der Dänen über eben diese orangenen Freunde als Wink des Herrgotts zum Guten. Ein Gefühl was Mario Gomez im weissen Dress deutlich nach 22Uhr noch verstärkte.

Leider gab es wohl die ersten Missverständnisse mit dem Herrgott, denn das erste Licht brachte gegen 5Uhr nicht die versprochene Sonne sondern REGEN ! So standen wir bei knappen 20°C in Regenkleidung um 6:45h mit lediglich ca. 900 Mitradlern im wahrsten Sinne des Wortes bedröppelt im Startbereich.

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So hatte ich mir die Primavera, also den Frühling in Norditalien nicht vorgestellt. Hier mit Christian Grüner

Obwohl ich mich noch mit fairen Mitteln in den vorderen Startbereich drängeln konnte, stellte ich bereits nach 400m fest, dass in Italien das Wettkampfverständis im Sinne eines „Fair-Play“ in einem solchen Rennen nicht so ernst gesehen wird.

Führte bei Sandra Wallenhorst auf Hawaii ein kurzes Verlassen der Rennstrecke noch zu einer Disqualifikation, hielt etwa 700 „Mitbewerber“ nicht davon ab, das Rennen um 200m zu verkürzen und so fand ich mich bereits nach Kilometer 1 fast ganz hinten im Fahrerfeld wieder. Da ich den Zug vorne nicht verpassen wollte, hatte ich schon zu Anfang sehr harte Spitzen zu treten. Der „niedrige Schnitt“ von 37km/h in der ersten Stunde war dann auch nur den Umstand geschuldet, dass wir starken Gegenwind hatten und es das eine oder andere Male schon links und rechts ordentlich schäpperte.

In Erinnerung bleiben wird mir aber ein Bild, das man mit Photoshop mit 2 Klicks (Bild um 90° drehen) erstellen kann. Für den Protagonisten war es weniger einfach und definitiv schmerzhafter, seinen Helm auf Bordsteinhöhe zu platzieren und dabei seine 3000€-Lightweightfelgen auf eine Höhe zubringen, auf der man im normalen Renngeschehen einem Helm erwartet. Radsport ist unbarmherzig, so haben unsere Blicke weniger die Teppiche der Gestürzten denn eine Lücke im Knäuel gesucht….

Der Tacho zeigte aber durchweg eine 4 vorne und häufig waren wir auch in den 50ern unterwegs. So war es mir mit dem Einsatz von deutlich zuviel Körnern auch möglich, mich in der hinteren Spitzengruppe einzunisten. Mit dieser wollte ich nämlich über den Turchino kommen. Dort merkte ich aber, dass ich mit momentan 92kg doch wieder inhibitierende 8kg über einem guten Rollergewicht liege und so musste ich keine 2km vor der Passhöhe die ca. 150 köpfige Spitzengruppe ziehen lassen.

Diese hatte einen vielleicht 8-minütigen Vorsprung rausgefahren und vor einem Jahr wäre es mit 8kg weniger ein Leichtes gewesen ein Hinterrad zu halten und mit dieser Gruppe die ersten 260km mitzugehen. So fand ich mich dann an der Passhöhe völlig allein, verpasste dann noch die erste planmäßige Verpflegungsstelle und auf der Abfahrt sah ich dann eine sehr schmerzhafte zweite Rennhälfte auf mich zukommen.

Glücklicherweise gab es bei Kilometer 170 die erste Privatverpflegung von Champions-Training und auch Arnolds erstauntes Gesicht, dass ich erster unserer Gruppe, 5min hinter der Spitzengruppe sei, konnte keinen Optimismus in mir mehr wecken.

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Spitzengruppe aus der ich 20km vorher rausgeflogen war

An dieser Verpflegungsstelle holte mich Christian Grüner dann auch ein. Christian ist ein sehr ambitionierter Amateur , der sich mit seinen 68kg aber eher in den Bergen wohl fühlt und als Spitzenfahrer von Arnolds „Pro-Team“ den Ötzi heuer in unter 8h anvisiert. Wir machten uns dann zusammen auf in einer der ersten Verfolgergruppen, aber an dieser Stelle serviert die Via Aurelia die ersten Capos und so flog ich auch schon aus dieser Gruppe. Ich konnte keine 360 Watt mehr über 3 oder 4 Minuten treten und somit die kleinen Capos wegdrücken. Ich hatte schon früh Flasche leer !

Nach diesen ersten Capos hatte ich dann nur noch unterirdische Gruppen, in denen ich dann meistens der stärkste Fahrer war. Aber spieltheoretische Ansätze im Sinne des TIT for TAT funktionieren im wahren Leben nicht immer – auch mir war eigentlich nicht mehr nach Führungsarbeit und somit verbummelten wir die 60 flachen Kilometer nach Savona unnötigerweise.

Wenn es hart kommt, dann aber richtig und so holte uns am Capo Mele dann endlich eine funktionierende Gruppe ein, mit der ich dann auch noch über den Capo Cervo bretterte um dann aber abermals am Capo Berta den Anschluss zu verlieren.

An der Cipressa war ich dann so frustriert, dass ich sogar aufs professionelle Pinkeln verzichtete und mich entspannt an den Randstreifen stellte. So hatte ich mir mein erstes Rollermonument nicht vorgestellt.

Danach stellte sich dann bei mir eine gewisse Gleichgültigkeit ein und so fuhr ich im Touristentempo den klangvollen Poggio hoch und stellte irgendwie erheitert fest, dass an seinem Scheitelpunkt, also quasi dem Ende des Rennens, ein Friedhof liegt. Mit einem Grinsen konnte ich dann zumindest die Abfahrt geniessen und auf der Zielgerade einen unkooperativen Mitbewerber aus dem Flachstück einholen, der wohl noch schlimmer eingebrochen war als ich selber.

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ein wenig Traurigkeit ist nicht zu verkennen

9h11min -so ziemlich die gleiche Zeit wie beim letztjährigen Ötzi- sind wohl ein Grund bei einer Wiederholung die Vorbereitung für ein solches Rennen in den letzten 4 Wochen ein wenig ernsthafter zu bestreiten. Letztendlich war ich dann 2. unserer neunköpfigen Champions-Training Gruppe, die einen netten Mix aus Deutschen und Österreichern darstellte.

Ich habe erstmals gemerkt, wie wichtig die Verpflegung in Rollerrennen ist. 4h, bei nicht zu großer Hitze auch 5h (also die Breitensportevents in Hamburg oder Berlin) kann man sich onboard verpflegen, danach muss die Verpflegung einfach stimmen. Insofern waren die 2 Extraverpflegungen durch Champions-Training schon mal wichtig, leider bei meinen schlechten Beinen diesmal nicht nötig. Für mich war es neben dem Ötzi die erste Erfahrung eines Rennens im wirklich harten Bereich jenseits der 6h-Belastung – lässt man mal die  „Big Kahuna“-Etappe über 207km in Botswana während der Tour d‘ Afrique aussen vor.

Sollte man bei diesem Rollerrennen wirklich zumindest die ersten 260km in Tuchfühlung mit der Spitze sein und eine 8h30 anvisieren, so muss man sich auch hierzu Gedanken machen. Wie wichtig Erfahrung, Planung und Teamarbeit bei „Ultra“-Distanzen ist zeigt folgendes Bild des Team Rye, die am vergangenen Wochenende das legendäre Styrkeproven von Trondheim nach Oslo gewonnen haben – 540km non-stop in einem Schnitt von deutlich über 40km/h

Mannschaftsverpflegung des Team Rye im legendären Styrkeproven !

Wenn die Form stimmt ist, die Wiederholungsgefahr allerdings bei mindestens 85%. Die Abfahrt vom Turchino auf das blaue Mittelmeer vermittelt Gänsehaut. Dieses Jahr werde ich noch von der Frankreichtour berichten, die ich ich dieses Jahr allerdings „arbeitend“ begleite. Ich werde zu 50% guiden und zu 50% im Auto sitzen. Auch werde ich mich noch zu den Plänen mit Sherif äußern, für den ich während des Rotaryvortrags über die „Tour d‘ Afrique“ 795€ sammeln konnte.

Leider ist die Planung für ihn in Ägypten momentan nicht ganz so einfach, sein Vater ist im April an einer hepatitsbedingten Leberversagen verstorben und zudem fällt die Frankreichtour dieses Jahr in den Ramadan – 925km bei 22.408 HM sind leider ein absolutes NO-GO, wenn man nur nach Sonnenuntergang essen und trinken kann… Aber News dazu gibt es noch !!


Responses

  1. Hi Dennis;
    also trotz alledem: hey Mann das muß man erstmal abstrampeln……deshalb Glückwunsch und meinen Respekt für deine Leistung und Danke für den launigen Bericht……..
    wünsch dir noch viiiiiiele tolle Radkilometer heuer….
    Gruß
    Hardy


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